Mattmoiselle Mayr

Guten Tag. Schön, dass Sie den Weg auf mein kleines Stück Internet gefunden haben. Die Schuhe können Sie ruhig anlassen.

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Sarah Kuttner, du hast mich zu mir selbst gemacht

Liebe Sarah,

ich sage du zu dir, weil ich irgendwie das Gefühl habe, dich zu kennen. Klingt das creepy? Egal. Das hier ist unsere Geschichte:

Ich bin zwölf Jahre alt und es ist ein Abend unter der Woche. Morgen ist Schule, so spät sollte ich nicht mehr fernsehen. Ich lande auf Viva.

Und da bist du. Du bist laut, verdammt laut. Du machst Witze und sie sind nicht immer gut und manchmal unangebracht, aber das ist dir egal. Dir ist so vieles egal. Du lässt dir im Fernsehen Zähne ziehen, du machst Quatsch mit Handpuppen, mit Zigaretten, mit deinem Gesicht. Du redest, ohne vorher darüber nachzudenken. Und ich kapiere: Mir kann es auch egal sein. Dass ich laut bin. Dass ich mich in der Schule nur melde, wenn mir ein guter Gag einfällt. Dass ich sehr viel über Worte nachdenke und sehr wenig über andere Zwölfjährige.

Von da an bin ich Fan.

 

Die Mädchen und Jungs mit den schrägen Ponys und den weißen Chucks, die bei deiner Show im Publikum sitzen – sie sind mein Maßstab. Nach jeder deiner Sendungen machen sie eine Nachbesprechung in einem Internetforum. Keine Ahnung, wer sie sind. Aber ich lese jeden Beitrag, lerne ihre Sprache. Ich google die Worte, die ich nicht kenne, die Bandnamen, die superdeepen Zitate in den Signaturen, die Abkürzungen. Sätze, die ich besonders gut und wichtig finde, schreibe ich in ein Notizbuch. Ich brauche nichts, was mich nicht lieb hat. Den finde ich immer noch groß. Die Leute, die du liebevoll Indiepeople nennst, geben mir meinen Musikgeschmack. Tocotronic, Superpunk, Adam Green, Belle and Sebastian, Moneybrother, Wir sind Helden. Die Musik, die mich durch jeden teenageresken Anfall von keiner-versteht-mich getragen hat.

Das Forum wurde 2010 geschlossen, die Fan-Seite gibt es noch. Eine Internetleiche. Ich wüsste gerne, was die Menschen heute machen, die früher jeden Tag dort geschrieben haben. Ich wäre damals einsamer gewesen ohne sie.

Oh, wie lange ich nach diesem Haarband gesucht habe!

Oh, wie lange ich nach diesem Haarband gesucht habe! // Von Jitka Kühn

Die Welt kam mir extrem dramatisch vor. So ist das, wenn man 14 ist. Ich dachte, ich müsste alleine die Weltmeere reinigen, den Regenwald neu pflanzen, für Gerechtigkeit sorgen und irgendwann zwischendurch auch noch Hausaufgaben machen und herausfinden, wer ich eigentlich bin. Du hast mir beigebracht, wer ich sein könnte. Und dazu die Egal-Haltung, die ich brauchte. Dir war nicht das Leben egal – aber die Leute, die es schwieriger machen.

Du hast geliebt oder gepöbelt, dazwischen gab es nichts.

Aus dem Material, das du mir gibst, bastle ich mir meine Jugendkultur. Indie, das gibt es in meiner Kleinstadt zu der Zeit noch nicht, oder zumindest nicht so, dass man es als 13-Jährige mitbekommen könnte.

Du nähst dir ein Kleid mit dem Albumcover von Mount Pleasure drauf. Ich wünsche mir zu Weihnachten eine Nähmaschine.

Bei einem Interview trägst du ein Halstuch, grau mit schwarzen Sternen. Ein paar Tage später finde ich das gleiche Tuch in der Accessoire-Abteilung von New Yorker und ziehe es ab da jeden Tag an. In deiner Musikexpress-Kolumne steht das passende Zitat dazu: “Manchmal kaufe ich bei New Yorker. Und wenn mich jemand fragt, behaupte ich, ich hätte das Teil aus einer supersüßen kleinen Boutique.” 

Sich selbst nicht so ernst nehmen. Wie wichtig es war, das zu lernen.

Du hältst einen Mittelfinger in die Kamera, als deine Show abgesetzt wird. Ich kaufe mir Ohrringe, alle sternförmig, und male mir mit Kajalstift dein Tattoo auf den Unterarm.

Du erzählst, dass du keinen Alkohol trinkst. Also entscheide ich, dass ich das auch nicht mache. Weil ich sowieso nicht besonders viel Lust dazu habe. Und weil ich es äußerst indie finde.

Im Jahr 2009 erscheint dein erster Roman, da bin ich 15 und knutsche zum ersten Mal. Was ich über Liebe wissen muss, lerne ich von dir. Dass es drei Stufen gibt: Verknallt – Verliebt – Liebe. Dass man manchmal jemanden so gern hat, dass man in ihn hineinkriechen möchte, was aber nicht möglich ist, von komischen sexuellen Praktiken mal abgesehen. Dass Freundschaft eigentlich das gleiche ist wie Liebe, nur ohne Sex.

Wahrscheinlich braucht man mit 12, 13, 14 etwas, woran man sich halten kann. Andere Mädchen haben in dieser Zeit Bill-Kaulitz-Frisuren getragen, ich eben Stern-Ohrringe. Es hätte mich sehr viel schlechter treffen können.

Was für ein Mensch wäre ich geworden, wenn ich nicht an deiner Show hängen geblieben wäre, sondern an einem Aggro-Berlin-Video? Wenn ich nicht auf deiner Fan-Seite das Forum gelesen hätte, sondern auf der von, sagen wir, Sonja Kraus? Wie viel von mir wäre ich sowieso geworden, wie viel ist nur wegen dir so?

Du warst meine Heldin. Erst habe ich nur nachgemacht, irgendwann haben die Dinge dann mehr zu mir gehört als zu dir. So ist das im Leben ja generell, eigentlich nur eine Aneinanderreihung von Zitaten. Die Faszination ist weniger geworden mit den Jahren, aber manchmal fällt mir auf, was alles noch da ist. An die Verknallt-Verliebt-Liebe-Regel glaube ich heute noch. Alkohol trinke ich immer noch nicht. Und dass laut sein nicht immer leicht ist, aber ehrlich – so ist es eben.

Dann dein letzter Roman, Weihnachten 2015, einen Tag vor Erscheinungsdatum in meinem Briefkasten. Ich musste einsehen, dass er mir nicht so gut gefällt. Weil man mit 20 nicht mehr blind Fan ist. Ich überfliege die Interviews nur noch. Überscrolle die Facebook-Einträge. Gehe nicht zu Kuttners schöner Nerdnacht, auch wenn ich es wahrscheinlich lieben würde. Nicht, weil du doof geworden bist. Aber es ist zu gefährlich: Ich bin 23 und will mich nicht von dir emanzipieren. Ich will nichts blöd finden, was du machst, nicht eine einzige Sache, nie.

Denn irgendwo in mir drin sitzt immer noch die anhimmelnde Zwölfjährige. Und wenn ihre Heldin fällt, fällt alles.

Deshalb ist dies eine Liebeserklärung und ein bisschen auch ein Abschiedsbrief. Danke, Sarah. Für meinen Musikgeschmack, mein Selbstbewusstsein, für jeden Spruch, den ich dir geklaut habe. Danke für den Menschen, den du aus mir gemacht hast – das klingt komplett geisteskrank, ist aber ausschließlich ehrlich.

Es war mir eine riesige Ehre, dein Fangirl zu sein.

Wie ich durch Banane-Nutella-Pfannkuchen erwachsen wurde. Ein Bildungsroman.

Es gibt viele Geschichten über meinen Opa, die meisten hat er mir selbst erzählt. Eine ist hängen geblieben. Angeblich hat er mal bei einem Gespräch mit irgendeiner von mir weit entfernten Verwandten gesagt: >Schaff dir ein Umfeld, in dem du leben kannst.< Und am nächsten Tag ist sie von zuhause abgehauen.

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Hello, beauty.

Ich habe Kondensmilch mit Wasser gemischt, um Milch zu simulieren. Ich besitze keinen Mixer und keinen Pfannenwender und eine Pfanne eigentlich auch nicht. Nur einen Wok, in dem alles anbrennt. Es ging trotzdem.

Pfannkuchenbacken ist keine löbliche Leistung. Aber wenn es um Dinge geht, die man mit den Händen macht, bin ich nie über die Reflexionsfähigkeit einer Vierjährigen gewachsen. Was ich selbst erschaffe, finde ich naiv-uneingeschränkt bemerkenswert.

>Schaff dir ein Umfeld, in dem du leben kannst<, das ist so ein Satz, den ich nicht loswerde. Ein Gedankenohrwurm, ähnlich wie >Was zieh ich an, damit man mich besser sehen kann< (Grundschul-Straßenverkehrstraining) oder >Wherefore art thou, Romeo< (Shakespeare) oder >Mayonnaise ist kein Instrument< (Spongebob). 

Und jetzt sitze ich hier, alleine, an einem Montagabend um halb 9 in einer krümeligen Küche. Ertränke Bananenstücke in einem Nutella-See, mit einem Brotmesser, das ich aus der Kölner Uni-Mensa geklaut habe. Beobachte die Familie in der Wohnung gegenüber, was unangenehmer geworden ist, seit ich die Mutter neulich ausversehen komplett nackt gesehen habe. Und sehe ein, dass es das ist; dass Pfannkuchen mit Nutella und Banane das Umfeld sind, in dem ich leben kann.

Klebe-Pärchen auf Konzerten, oder: Bleibt doch zuhause

Wer hat euch gezwungen, hier zu sein. Knapp hundert Euro auszugeben, um in eine Richtung guckend zu erstarren. Wer hat euch beigebracht, dass man als Zweierbeziehung bei Musikbeschallung diese Position einnehmen muss:

Sie vorne, er dahinter. Seine Arme an ihren Hüften oder um ihren Bauch oder irgendwo in Brusthöhe. Vielleicht sein Kinn auf ihrem Kopf, sodass sie aussehen wie ein fleischiger, hautfarbener Marterpfahl. Ihre Arme irgendwo umständlich gefaltet zwischen oder auf seinen. Oder sie lässt die Arme hängen, das hat was von Zwangsjacke und Zwangsjacke hat ja eigentlich was von Geborgenheit.

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Dies ist meine Person, sagen diese Arme. Ich habe sie hierher mitgebracht, damit wir so stehen können. Man berührt sich sonst nicht genug im Alltag, man muss das nachholen, am liebsten in großen Menschenansammlungen. Und jetzt machen wir es uns schön, jetzt schreien wir laut rum mit unserer Körperhaltung WIR SIND ZUSAMMEN UND MIT VIEL GLÜCK SPÄTER NOCH POPPEN.

Auf Konzerten hintereinanderstehen ist wie Kerzen aufstellen und Licht dimmen vorm Oralverkehr, wie aphrodisierende Romantik-Menüs auf Restaurantkarten, wie die Hand auf dem Knie bei der Kuss-Szene im Kino. Triefend prätentiös. 

Niemand kann tanzen, wenn er von hinten fixiert wird.

Niemand kann hüpfen, wenn er gerade eine Hüfte festhält.

Höchstens bescheuertes hin und her schunkeln geht, oder dieses peinliche Mitgewippe aus dem Kniegelenk, das immer ein bisschen nach ADHS aussieht. So hässlich kann man Musik auch zuhause hören.

Deshalb stehen sie in Reih mit Glied dazwischen. Anderthalb Stunden hintereinanderstehen, das schaffen sonst nur Pendler_innen im Regionalexpress.

Es wäre doch logisch, nebeneinander zu stehen. Es wäre logisch, das Gesicht des anderen sehen zu wollen, sich-erblicken-können, bewegen und anschreien und springen. Es wäre logisch, sich des Lebens zu freuen.

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Dieses fallschirm-tandemsprungmäßige Festgehalte ist nichts als ein Rückbleibsel des deutschen Urinstinkts, sich mit ernstem Blick strammstehend aufzureihen. 

Bei den Klebe-Pärchen zuhause am Kühlschrank hängen Konzertkarten, mit scheiß Mallorca-Magneten fixiert, schau mal, weißt du noch, als wir bei Coldplay waren? Nein, weiß ich nicht mehr, aber wahrscheinlich habe ich dagestanden und dich von hinten gehalten und am Ende haben wir uns ins Auto gesetzt und Radio gehört und abends haben wir uns leise gefreut, dass wieder ein Tag vorbei ist, den wir miteinander verbringen mussten.

 

Pott zu Prunk, Kapitel 4: How to fall in love with München

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September. Vier Frauen auf einem aufblasbaren Einhorn treiben an mir vorbei. Ich liege auf einer Wiese an der Isar, es ist sonnenbrillenwarm. Zum Lesen nichts dabei außer einem anstrengenden Roman. Nach fünf Seiten verfalle ich mit dem Buch auf meinem Bauch in einen Dämmerschlaf. Beim Aufwachen ein leises, glühendes Sonnenbrandgefühl. Ein paar Meter entfernt von mir lag eben noch ein Mann. Er ist jetzt dabei, sich auszuziehen, um in den Fluss zu springen. So warm ist es nun auch wieder nicht.

November. Es hat Föhn. Im Wildpark gibt ein Waschbär mir High-Five. Vor dem Fuchsgehege zieht eine Frau ein Etui aus ihrer Manteltasche. Darin: Alle Zeitungsartikel, die je über die vier Füchse im Gehege geschrieben wurden, kleingefaltet, archiviert. Sie nähert sich pfeifend dem Gehege, die Füchse springen auf, rennen wie Kätzchen auf sie zu. “Haben Sie Futter dabei?”, frage ich, vorsichtig. “Neinneinnein, die darf man nicht füttern.” Sagt sie, entrüstet. “Die werden hier gut versorgt. Wir kennen uns schon lange, die wissen, wer ich bin.”

Dezember. Schwarzer Kaffee, Schokoladenhimbeerkuchen. Der Münchner Lokalteil der Süddeutschen Zeitung, inzwischen kein großes Rätsel mehr. Am Tisch gegenüber sitzt eine Dame mit grauen Haaren, sie schreibt seit einer Stunde ohne abzusetzen mit einem Füller in ein schwarzes Notizbuch.

Januar. Der Rollkoffer bleibt im Schnee stecken. Auf dem Boden, in der Luft, überall Schnee. Autos, Fahrräder, Geländer, zugedeckt. Schnee für tausend Schneemänner und dreitausend Schneeballschlachten, genug Schnee, damit alle Eltern ihre Kinder mit dem Schlitten zur Schule ziehen können. Schnee sieht so aus, wie Verliebtsein sich anfühlt, denke ich und fühle mich verdammt literarisch.

Vor lauter Schneehysterie muss ich ein bisschen weinen.

Und grinse wild wahllos Menschen an.

Sie schauen schnell verwirrt weg, denn wir sind immer noch in München.

Aber es ist mir egal.

Ich bin – zuhause.

Über Vorsätze. Oder: Goldpailletten-Glitzerkleider.

Bizeps. Avocados essen. Vor dem Heulkrampf durchatmen, bis zehn zählen. Müll trennen. Häufiger anrufen. Fenster putzen. Brote schmieren. Freundlicher sein. Klappe halten. Weihnachtsgeschenke basteln, im September. Flüchtlinge streicheln. Weniger lästern. Weniger Facebook. Weniger überdenken. Überlegte Entscheidungen. Das Handy weglegen. Nicht darauf einlassen. Vegan essen. Weniger rauchen. Ein Volksbegehren initiieren. GEZ zahlen. Nicht zu den Leuten gehören, die mit Vorsätzen brechen.

Wie schön es ist, das alles nicht zu schaffen. Wie gut der Moment, an dem man sich gegen das bessere Verhalten entscheidet. Die Avocado auskotzen, im Bett bleiben, Scheiße fressen, aus dem dreckigen Fenster gucken und Leute auf Facebook stalken, das Herz klopfen lassen, wie es will und weinen, wenn man muss.

Ist Blei nicht giftig?

Ein Fuchs, ein Penis, ein abgefallener Arm, eine fleischfressende Pflanze.

Es ist gut, ein Vorsatz-Ich zu haben. Ein ich, das Rechnungen pünktlich zahlt und sich traut, Briefe zu öffnen. Ein integreres, sportlicheres, sympathischeres ich, zu dem man aufblicken kann, aufleben. Und das trotzdem unerreichbar bleibt, bleiben muss, denn Perfektion ist wie eins dieser hautengen, goldpaillettenbesetzten Glitzerkleider, die es vor Silvester zu kaufen gibt: Von weitem nett anzusehen, aber angezogen sieht’s lächerlich aus, öde, erzwungen.

Über Couscous. Oder: Scheiße fressen

Meine erste Begegnung mit Couscous fand auf einem Kindergeburtstag statt. Ich war selbst noch ein Kind, und deshalb wehrlos. “Was ist das?” fragte ich beim Blick in die große, violette Plastikschüssel. “Couscous-Salat” sagte man zu mir, als wäre das eine Erklärung. Ich legte einen Klecks von der Masse, die mich an feuchten Sand erinnerte, auf meinen recyclebaren Kindergeburtstagsteller. Die nächsten zehn Minuten verbrachte ich damit, Gurken, Tomaten und Paprika vorsichtig mit der Gabel von den komischen Körnern mit dem fremden Namen zu befreien.

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Was ich über eure Couscous-Salate denke.

Damals war Couscous als Nahrungsmittel noch ausschließlich Reformhauskäufer_innen vorbehalten. Leider ist das nicht so geblieben. Couscous ist in. Couscous ist einfach. Couscous ist billig. Couscous ist schnell gemacht. Couscous ist gesund. “Mit Couscous kann man einfach so viel kochen.” Couscous hat weniger Kohlenhydrate als. Couscous mag einfach jede_r. 

Couscous ist ein Party-Essen für Leute, die ihr Leben nicht genießen können. Couscous ist eine lächerliche Ausrede für eine Sättigungsbeilage. Couscous ist der Dinkelbrei einer Generation, die alles hat, aber nichts besitzen will. 

Couscous ist wie Fitnessstudio, vegane Schokolade oder Handjobs. Man bekommt Muskeln, man erfüllt das Nachtisch-Ritual, man kommt. Ein Bedürfnis wird erfüllt. Aber die Sache weist nicht über sich selbst hinaus. Couscous ist Symbol für alles, was in unserer Gesellschaft falsch läuft.

Couscous ist nur Selbstzweck. Es ist sauber, sinnvoll, nützlich. Und nützliches Essen ist ein Mario-Barth-Witz. Kurz gelacht, Humorbedürfnis befriedigt und ab zurück ins langweilige Kackleben, wo man seine Freundin ehrlich scheiße findet und keiner lacht darüber. Astronaut_innen, Bergsteiger_innen oder Leistungssportler_innen sind die einzigen Milieus, die nützliches Essen gerechtfertigt zu sich nehmen. 

Niemand isst gerne Couscous, genau so wie niemand gerne auf Papier kaut oder sich Holzspäne in die Ohrmuschel einführt. Natürlich kann man Couscous so stark würzen, bis es nach irgendwas schmeckt. Man kann auch Papier in Bier einweichen oder Holzspäne in Watte wickeln. Aber warum? Worin besteht die Notwendigkeit? Warum füllt man nicht die ganze violette Schüssel mit dem guten Stoff, anstatt den Salat mit Couscous zu strecken wie ein tschechischer Drogenhustler?

Irgendwann haben die Reformhauskäufer_innen angefangen, Couscous-Salate zu Partys mitzubringen. Und alle dachten: Mensch, das schmeckt nicht so richtig gut und sieht auch nicht schön aus, aber ich habe keine Ahnung, woher es kommt und wieso. Das muss besonders gesund sein. Die Couscous-Verschwörung hat ihren Ursprung in einem unsympathischen Exotismus, der sich zu einem verlogenen, gesamtgesellschaftlichen Teufelskreis entwickelt hat. Couscous ist die größte Lüge, die wir uns je gegenseitig erzählt haben.

Pott zu Prunk, Kapitel 3: Plötzlich Proll

Der Anlass: Irgendeine blöde Journalistenkonferenz. Der Ort: Irgendeine Stadt in Dunkeldeutschland.

Ich wohne seit sechs Wochen in München, habe meine tägliche Dosis Butterbrezen auf 2 erhöht und verfahre mich nur noch auf jedem dritten Weg. Der Brechreiz, den ich früher bei starken, bayrischen Akzenten verspürt habe, bleibt inzwischen aus.

Trotzdem vergesse ich in der Stadt tief im Osten schon nach ein paar Minuten die sechsstündige Zugfahrt, denn auch hier sind überall hohe Altbauten und um mich herum die gleichen Menschen wie in München. Noch ist alles, was nicht NRW ist: woanders.

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#irgendeinaltbau #ostenodersüdendeutschlandistüberallgleich

Aber die, die hier wohnen und die, die auch nicht aus München angereist sind, können riechen, dass ich auf dem Weg hierher am Bahnhof 3,50 Euro für einen kleinen Kaffee ausgegeben habe. Sie riechen meinen Butterbrezen-Atem, meine kleine Liebäugelei mit den Dialekten.

Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal eine Münchnerin getroffen habe. Das war in Krakau, wo man für 3,50 Euro schick essen gehen kann. Die Münchnerin erzählte: “Wir haben unser Auto auf einem sicheren Parkplatz abgestellt, das war auch ganz günstig, nur 30 Euro pro Tag.” Die Münchnerin trug hässlichen Lippenstift und eine weiße Hose. Ich hasste sie.

Und jetzt, gar nicht so weit weg von Krakau, höre ich im Vorbeigehen die Leute reden, “die Münchner tragen die Nase ganz schön weit oben”, sagen sie, “da sind sie sich zu fein für”, sagen sie, “kommen ziemlich arrogant rüber”, sagen sie und meinen – auch mich.

Ich bin versucht, von Dortmund-Hörde zu erzählen, von der Stahlfabrik, die ich aus dem Wohnzimmerfenster sehen konnte und von meiner Mutter, die sagte: Wir ziehen um, weil du immer so hustest.

Ich bin versucht, von Unna-Königsborn zu erzählen, wo nach-Dortmund-ziehen Aufstieg bedeutet, wo es genau einen Club gibt und eine Bar und jedes Wochenende eine Schlägerei mit den gleichen Leuten.

Aber vielleicht muss man die Rollen einfach spielen, wie sie anderen einfallen. Die Nase noch ein Stück höher heben und hinterherwachsen. Jede Minute einen Zentimeter, irgendwann etwa 6 Meter 90. Das ist eine Höhe, von der aus man niemandem mehr etwas beweisen muss. Kichernd auf Köpfe rotzen, das geht noch.

Ein paar Tage später sagt jemand zu mir: “München ist eine Stadt, die sehr stark bewertet. Nach dem ersten Eindruck haben die Leute ihre Meinung von dir.” Ich denke: Wenigstens ist es ihnen egal, ob ich in München wohne. Und beiße in die dritte Butterbreze des Tages.

Wir machen selten Feature-Parts, nicht weil uns niemand fragt
Sondern weil ich viele nicht mag, arrogante Münchener Art
(Main Concept <3)

Pott zu Prunk, Kapitel 2: Klaut endlich mein Rad!

“Musst du nicht abschließen. Sind ja gleich wieder da”, sagte der Münchner zu mir. Es war Sommer, ich war für eine Wohnungsbesichtigung auf Kurzbesuch und er lieh mir ein altes, klappriges Fahrrad, dessen Sattel immer ein bisschen nach links wegklappte.

Vor einem Restaurant ließ er sein weniger klappriges Rad einfach stehen, das Schloss lässig um den Lenker geschlungen, wie eine rote Fahne, um Diebe anzulocken, dachte ich. Ich bin Raddiebstahlsparanoid, seit meiner Mutter das Fahrrad geklaut wurde, als sie die Einkäufe von der Haustür in unsere Erdgeschosswohnung brachte. Fünf Meter Abstand is all a Fahrraddieb needs.

Dachte ich. Nicht so in München. Hier kann man im Innenhof das Rad ganz ohne Schloss stehen lassen. Vor dem Supermarkt reicht den Münchnern für ihre 1500-Euro-Räder ein 5-Euro-Plastikschloss, das eher symbolischen Wert hat: “Dieses Rad bräuchte ich noch, bitte nicht bei Stadtbildsverschönerungen entsorgen.”

In Köln und Dortmund besaß ich kein stehlenswertes Rad. Alter Stahlrahmen, Licht kaputt, Reifen immer kurz vor platt und die Pedale so schwer zu treten, dass jeder Gelegenheitsdieb nach zwanzig Metern schimpfend abgestiegen wäre. Trotzdem: Selbst wenn ich in einem Café direkt neben meinem Fahrrad saß – es war niemals ohne Schloss. Safety first.

Zum Bachelorzeugnis habe ich mir dann selbst ein Rad geschenkt. Aus einer Entfernung von hundert Metern sieht man es rosa leuchten. Die fucking Prinzessin Lillifee unter den Fahrrädern. Jedoch mit etwas mehr Stil. Und: immerhin teurer als ein Abendessen oder ein Ryanair-Flug. Wenn ich ein Dieb wäre, ich wäre recht gallig darauf, dieses Rad auf ebay zu verscherbeln. 

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Posing with the poserbike

Anscheinend geht es den Dieben in München nicht so. Oder es gibt einfach keine Diebe in München. Wer es sich leisten kann, hier zu wohnen, ist wohl nicht in einem so unbeständigen Business wie Fahrraddiebstahl aktiv. Wenn schon kriminell werden in dieser Stadt, dann wenigstens irgendwas mit Immobilien.

Das Fahrrad und ich freuen uns darüber. Wir freuen uns, wenn es unabgeschlossen vor der Bäckerei wartet und wenn wir uns dann in die Arme fallen, ich mit Brezen im Rucksack, das Fahrrad immer noch da. Wir freuen uns, dass es nur ein Schloss braucht und nicht zwei, denn wohin soll man denn mit den ganzen Schlössern beim Fahren? Wir sind jedes Mal überrascht, wenn wir uns nachts um halb drei heile wiedersehen, nachdem es stundenlang an einer Laterne auf mich gewartet hat. “Schon wieder kein Vandalismus!” jubeln wir dann.

Allerdings sind wir auch ein bisschen beleidigt. Wir hatten gehofft, uns begehrenswerter zu fühlen. Es ist, als hätte man sich sehr hübsch gemacht für eine Party und dann sind alle interessanten Personen in Begleitung da. Als hätte man sich sehr gut auf ein Unwetter vorbereitet und dann scheint die Sonne. Wir fühlen uns betrogen um ein Abenteuer. Und wir wissen beide, wie albern das ist.

München steht für Hiphop, homie, coole Rhymes und fette Beats. 

Pott zu Prunk, Kapitel 1

Ich verfalle in einen gegenteilig-klaustrophobischen Panikanfall, als ich aus dem Zugfenster sehe. Da ist so viel nichts. So viel freie Fläche. Ab und zu Ponys ohne Zaun drum, die nicht weglaufen, denn wohin sollten sie gehen, wovor sollten sie fliehen? Nur Gleise und Grün und ein bisschen Wasser, ab und zu ein Traktor. Über Stunden fehlt es um mich herum an Zivilisation. Wenn der Zug jetzt hier entgleist, dann merkt das keiner. Wenn wir jetzt hier anhalten, wie viele Stunden Fußmarsch sind es zur nächsten Wasserstelle?

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Zuhause ist das Ruhrgebiet. Zuhause liegt Bochum neben Dortmund neben Essen neben Gelsenkirchen neben Unna neben Wittenherdecke, überall sind Schnellstraßen und zu Ikea kann man mit dem Fahrrad fahren. Ich habe lange nicht verstanden, warum Autobahnnähe ein Verkaufsargument für Immobilien sein sollte, denn zuhause verliefen zwei Autobahnen durch meinen Schulweg.

Dass es Orte gibt, wo man erst eine Stunde in die falsche Richtung fahren muss, bevor man irgendwohin kommt, finde ich immer noch schwerstens verständlich.

Wenn zuhause irgendwo eine große freie Fläche ist, dann buddeln wir wenigstens ein großes Loch, holen Kohle raus, verpesten die Luft und am Ende kippt irgendwer Wasser rein und zack ist da ein See. Um den See können dann die industriegeplagten, lungenkranken Menschen herumspazieren. Das leuchtet mir ein.

Dieses viele, große Nichts leuchtet mir nicht ein, denn wo nichts ist, da leuchtet auch nichts, da gibt es nur Jugendliche, die aus Langeweile Straßenlaternen kaputttreten und Vergewaltiger, die in dunklen Ecken lauern, aber niemand läuft vorbei, denn es ist Mittwoch und das Dorf hat nur 150 Einwohner. Geh nach Hause, Manni, geh kalt duschen, das wird heute nix mehr.

Zwischen den großen freien Flächen, auf die ich jetzt hektisch atmend starre, liegen Dörfer. Dörfer mit Kirche in der Mitte und Berg rechts, Berg links. Dörfer mit Mehrfamilienhäusern, kleinen Gärten und kleinen Straßen und Bäumen. Dörfer, die abgeschlossen sind, so für-sich und unangreifbar weil unerreichbar. Dörfer, die nur ein Schatten der echten Welt sind. Wenn ich hier groß geworden wäre, dann würde ich wohl auch Schwule klatschen. Schießt es mir durch den Kopf.

Zuhause ist Karneval. Zuhause sind Leute, die vor Hauseingänge kotzen und Clownsmasken tragen. Zuhause sind dreckige Flüsse, gelbgeflieste Bahnhofsgebäude und chaotische McDonalds-Filialen. Zuhause sagt man weißte, machste, kannste, willste, Arschloch. Der Zug hält an.

Und jetzt bin ich also hier.

Der McDonalds am Münchner Hauptbahnhof ist schwer zu finden und sehr aufgeräumt. Die Menschen am Münchner Hauptbahnhof sind noch viel aufgeräumter. Ich stolpere in einen Zeitschriftenladen und kaufe Postkarten. Die Frau an der Kasse sagt: “Servus”. Ich zögere kurz, gucke verwirrt und bleibe bei: “Tach.”

Warum Dortmund das neue Leipzig ist

Ich verkünde hiermit offiziell und Kraft des mir durch mich selbst verliehenen Amtes: Leipzig is over. Leipzig ist nicht mehr Hypezig, höchstens noch Binichleidzig oder Wasistdasfür1lifezig. Wer jetzt cool sein will, wer jetzt alternativ und hip ist, wer sich jetzt noch traut, mit der Wohnortwahl bei Freunden und Verwandten anzuecken, der geht nach Dortmund.

Denn erstens klingt Dortmund so scheiße und uncool, dass man sich dafür keinen Hype-Namen ausdenken kann, der nach sechs Minuten im aktiven Wortschatz schon wieder peinlich ist. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie Dortmunds Hype-Name sein könnte (30 Sekunden) und bin gescheitert. Folglich gibt es keinen. Oder nur solche, in denen Wortspiele mit Nase und Augen vorkommen. Und die habe ich schon zu genüge gemacht, als ich vier Jahre alt war.

Zweitens hat Dortmund zwar schon die ganze Hipster-Infrastruktur (Veganes Eis für 3000 Euro, gut ausgeleuchtete Läden für Klamotten mit witzigem Aufdruck, Cafés in denen man ohne Probleme einen Yogi-Tee serviert bekommt), aber die Wege sind noch nicht so ausgetreten. Selbst im Kreuzviertel fehlt noch viel zur absoluten Gentrifikation, was allen gelegen kommt, die zwar in einem Bildungsbürgerhipsterviertel leben möchten, aber das nicht den ganzen Tag unter die Nase gerieben bekommen wollen.

Drittens ist man in Dortmund noch ehrlich arm, nicht so wie in Leipzig und Berlin. Wenn hier jemand scheiße aussieht, dann ist das kein Style, sondern die finanzielle Unfähigkeit, besser auszusehen. Wenn in Dortmund jemand Rastas hat, dann ist das keine Frisur, sondern liegt am verpassten Haarekämmen. Wenn sich hier zwei Punker in der Bahn über ihren Hund unterhalten, dann nicht über die vegane Ernährung des lieben Tiers, sondern darüber, dass er bissig ist. Wenn in einem Dortmunder Park ein Festival ist, dann spielen da keine Indiepopbands und keine Trommeln-für-den-Frieden-Gruppen, sondern Coverbands mit Männern Mitte vierzig, die von den Toten Hosen bis Nirvana die Musikgeschichte von hinten penetrieren.

Links das U, daneben ein Klotz, daneben noch ein Klotz

So sieht es hier eigentlich überall aus.

Dass Dortmund viertens ein Fußballteam hat, das man okay finden kann, wenn man nicht gerade aus Gelsenkirchen kommt, ist ja kaum einer Erwähnung wert. Für hippe Menschen ist das besonders aus Abgrenzungsgründen relevant. Man kann nämlich in einer so fußballvernarrten Stadt Sätze sagen wie: “Ach, auf den Westenhellweg gehe ich wirklich nur, wenn Dortmund spielt, dann ist da keiner” oder “Ich habe da dieses total süße Café mit glutenfreiem Kuchen bei mir um die Ecke, da kann man auch abends schön sitzen, aber Fußball zeigen die zum Glück nicht.”

Außerdem hat Dortmund fünftens die perfekte Lage zwischen Bochum, Essen, Duisburg, Mülheim an der Ruhr, Schwerte, Werne, Lünen, Unna und ganz vielen anderen Orten, wo man überhaupt nicht hin will, über die man aber immer sagen kann, wie cool es ist, dass alles so nah beieinander liegt. Läuft der französische Indiefilm hier nicht? Fahr halt nach Bochum. Mit der Oma in münsterländer Fachwerkidylle Kuchen essen? Ab nach Werne. Intellektuell fühlen und in eine für die Größe der Stadt vollkommen überzogene Oper gehen? Zack, Essen! Und nach Unna… naja. Kann man auch mal hin. Das Ruhrgebiet ist was Nahverkehr angeht etwa wie Berlin: Man braucht für jeden Weg etwa eine Stunde.

Sechstens ist Dortmund winzig. Wenn die U-Bahn ausfällt, kann man einfach laufen, statt zu warten. Es gibt keine “Oh nein, das Restaurant ist am anderen Ende der Stadt”-Ausreden, denn es gibt kein anderes Ende der Stadt. Nach ein paar Wochen hat man Dortmund überschaut, seine eigenen Orte gefunden, Refugien in der Hässlichkeit, die man dann auf einmal vollkommen charmant findet.

Natürlich stimmen alle Vorurteile. Dortmund hat überall Nazis, denen es auch nicht peinlich ist, Nazi zu sein. Dortmund ist pottenhässlich. Dortmund ist krankhaft BVB-fixiert. Und bei manchen Dortmundern kommen alle diese drei großen Probleme zusammen. Trotz alledem: Man kann es durchaus lieben, hier zu leben.