Mattmoiselle Mayr

Guten Tag. Schön, dass Sie den Weg auf mein kleines Stück Internet gefunden haben. Die Schuhe können Sie ruhig anlassen.

Tag: Das Leben geschissen kriegen

Wie ich durch Banane-Nutella-Pfannkuchen erwachsen wurde. Ein Bildungsroman.

Es gibt viele Geschichten über meinen Opa, die meisten hat er mir selbst erzählt. Eine ist hängen geblieben. Angeblich hat er mal bei einem Gespräch mit irgendeiner von mir weit entfernten Verwandten gesagt: >Schaff dir ein Umfeld, in dem du leben kannst.< Und am nächsten Tag ist sie von zuhause abgehauen.

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Hello, beauty.

Ich habe Kondensmilch mit Wasser gemischt, um Milch zu simulieren. Ich besitze keinen Mixer und keinen Pfannenwender und eine Pfanne eigentlich auch nicht. Nur einen Wok, in dem alles anbrennt. Es ging trotzdem.

Pfannkuchenbacken ist keine löbliche Leistung. Aber wenn es um Dinge geht, die man mit den Händen macht, bin ich nie über die Reflexionsfähigkeit einer Vierjährigen gewachsen. Was ich selbst erschaffe, finde ich naiv-uneingeschränkt bemerkenswert.

>Schaff dir ein Umfeld, in dem du leben kannst<, das ist so ein Satz, den ich nicht loswerde. Ein Gedankenohrwurm, ähnlich wie >Was zieh ich an, damit man mich besser sehen kann< (Grundschul-Straßenverkehrstraining) oder >Wherefore art thou, Romeo< (Shakespeare) oder >Mayonnaise ist kein Instrument< (Spongebob). 

Und jetzt sitze ich hier, alleine, an einem Montagabend um halb 9 in einer krümeligen Küche. Ertränke Bananenstücke in einem Nutella-See, mit einem Brotmesser, das ich aus der Kölner Uni-Mensa geklaut habe. Beobachte die Familie in der Wohnung gegenüber, was unangenehmer geworden ist, seit ich die Mutter neulich ausversehen komplett nackt gesehen habe. Und sehe ein, dass es das ist; dass Pfannkuchen mit Nutella und Banane das Umfeld sind, in dem ich leben kann.

Einmal im Jahr

25.12., 01.10 Uhr. Vor der Tür triffst du auf zwanzig, dreißig Menschen, die du irgendwann mal kanntest. Du tauschst kleine Konversationspäckchen mit Banalitäten drin, verpackt von einem Äußeren, das sagen will: ich habe mir keine Mühe gegeben, gut auszusehen, denn ihr seid mir alle egal, aber nicht egal genug, als dass es mir wirklich egal wäre, wie ich aussehe, denn eigentlich geht es an diesem einen Tag doch darum, den Eindruck zu machen, man hätte sie alle beisammen, zumindest im Kleiderschrank oder wenigstens die Gesichtshaut. Den Eindruck machen, das Leben geschissen zu kriegen, am besten besser als alle anderen, in Strumpfhosen ohne Fussel und Schuhen, auf denen du laufen kannst. Schrottwichteln mit Eindrücken.

Manche Menschen sind so schrecklich egal geworden, dass es nicht mal mehr Spaß macht, über sie zu lästern. Manche Wiedersehen verlaufen ohne Begrüßung, aha, du lebst noch, gut zu wissen. Für manche reichen eine Umarmung und zwei Sätze, für mehr ist die Musik sowieso zu laut, der aktuelle Stand, viel ändert sich nicht, und wenn sich etwas bahnerbrechendes geändert hätte (Heirat, Kindsgeburten, Todesfälle, tralala), wäre man wohl kaum hier, oder? Bei manchen bleibst du länger stehen oder gar sitzen und je mehr sie reden desto greller leuchtet in deinem Kopf das Neon-Schild mit der Frage auf WARUM HABE ICH DICH NOCHMAL GEMOCHT? Aber am traurigsten sind die Wieder-Treffen, die dich denken lassen: Mensch, du hast dich in eine Richtung entwickelt, die ich nicht scheiße finde und davon würde ich gerne mehr sehen, denn es gibt nicht so viele Menschen, die nicht scheiße sind, aber irgendwo haben wir mal beide die Ausfahrt verpasst, an der wir hätten Freunde werden können und jetzt ist es zu spät und sowieso auch irgendwie albern. Die Auswahl am Büffet möglicher Freundschaften ändert sich stetig und manches wird abgeräumt, bevor man es auf den eigenen Teller hätte retten können. Menschen als All-you-can-eat, das Bild gefällt mir.

04.10 Uhr und immer noch kein Lied, zu dem man hätte tanzen wollen. Neben dir auf der Tanzfläche betrügt einer den du flüchtig kennst seine neue Freundin, die er dir vor einer halben Stunde noch vorgestellt hat. Der DJ lässt seit zwanzig Minuten einfach eine Playlist laufen, wahrscheinlich vögelt er auf der Toilette mit seiner Jugendliebe.

 

(Gut zu wissen, dass es zwei drei vier fünf Menschen gibt, die mitkommen, die an jeder Ausfahrt gestanden haben, die sich nicht abräumen lassen, die früh genug sagen: lasst uns gehen.)