Mattmoiselle Mayr

Guten Tag. Schön, dass Sie den Weg auf mein kleines Stück Internet gefunden haben. Die Schuhe können Sie ruhig anlassen.

Tag: Don’t believe the hypezig

Freundliche Kommentare gescheh’n, ich habs geseh’n

Don’t read the comments. Sagen sie. Denn Kommentare werden nur von Wutbürgern geschrieben und von Arschlöchern. Kein Mensch, der denkt und fühlt, schreibt Kommentare.

So ein Quatsch, denke ich seit diesem Text. So ein Glück, dass ich die Kommentare gelesen habe. Nicht alle. Nicht die, die mit einer Beleidigung anfangen und mit Anweisungen enden. Nicht die, die meinen, meinen Schreibstil bewerten zu müssen oder mein Leben. Aber solche:

Anna, Du (ich bin eine alte Frau, deshalb diese Anrede) hast einen fabelhaften Text geschrieben. Ich habe alles ganz leicht verstanden. Und hätte es selbst niemals so gut ausdrücken können. Ich bin im akademischen Judentum groß geworden, habe aber sofort verstanden, wie es in Deinem Milieu zugegangen ist und wie Du – dank Deiner eigensinnigen und heldenhaften Mutter – geworden bist, was Du bist.

Bei solchen Kommentaren hatte ich Tränen in den Augen. Das heißt noch nicht viel, weil ich oft heule. Aber es bedeutet mir einiges.

Ich bin zu müde und habe zu viele Gedanken aber zu wenig Wert um ernstgenommen und gehört zu werden. Was bleibt ist dass ich nicht will dass es einem andren schlechter gehen muss als mir

JournalistInnen wollen unterhalten, aufregen, berühren. Und vielleicht muss man genau deshalb manchmal Kommentare lesen. Um nicht zu vergessen, wie das ist: berührt werden.

Ich musste mir das Denken selber beibringen, ohne Hilfe meiner Eltern, und wäre in so manche Grube des Lebens nicht reingeplumpst, wenn ich als Kind nicht nur darauf geeicht worden wäre, was sich gehört und was üblich ist.

Ich habe Aufsätze per Mail bekommen voller Gefühle und Wut und Vorschläge, welche Partei ich denn nun wählen soll. Das ändert nichts, aber ich bewundere diese Menschen. Für ihren Idealismus und dafür, wie sehr sie verändern wollen.

Scheinbar hat die Mama, trotz Tattoo, in ihrer Pflicht als Mutter alles richtig gemacht

Man muss sich entscheiden, wem man zuhört. Denen, die viele Ausrufezeichen setzen und den Text, um den es geht, nur halb lesen. Oder denen, die kommentieren, weil sie etwas zu sagen haben, das keine gequirlte Scheiße ist.

Als überzeugter Konservativer/Mitte Rechts oder was auch immer, muss ich gestehen dass mir das Schriftstück unheimlich gut gefallen hat.

Ich hatte Angst, dass Hass zurückkommt. Was kam, war sehr viel Mist und sehr viel Freundlichkeit. Und jedes gute Wort wiegt dabei zehnmal mehr als eine unreflektierte Beleidigung.

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Warum Dortmund das neue Leipzig ist

Ich verkünde hiermit offiziell und Kraft des mir durch mich selbst verliehenen Amtes: Leipzig is over. Leipzig ist nicht mehr Hypezig, höchstens noch Binichleidzig oder Wasistdasfür1lifezig. Wer jetzt cool sein will, wer jetzt alternativ und hip ist, wer sich jetzt noch traut, mit der Wohnortwahl bei Freunden und Verwandten anzuecken, der geht nach Dortmund.

Denn erstens klingt Dortmund so scheiße und uncool, dass man sich dafür keinen Hype-Namen ausdenken kann, der nach sechs Minuten im aktiven Wortschatz schon wieder peinlich ist. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie Dortmunds Hype-Name sein könnte (30 Sekunden) und bin gescheitert. Folglich gibt es keinen. Oder nur solche, in denen Wortspiele mit Nase und Augen vorkommen. Und die habe ich schon zu genüge gemacht, als ich vier Jahre alt war.

Zweitens hat Dortmund zwar schon die ganze Hipster-Infrastruktur (Veganes Eis für 3000 Euro, gut ausgeleuchtete Läden für Klamotten mit witzigem Aufdruck, Cafés in denen man ohne Probleme einen Yogi-Tee serviert bekommt), aber die Wege sind noch nicht so ausgetreten. Selbst im Kreuzviertel fehlt noch viel zur absoluten Gentrifikation, was allen gelegen kommt, die zwar in einem Bildungsbürgerhipsterviertel leben möchten, aber das nicht den ganzen Tag unter die Nase gerieben bekommen wollen.

Drittens ist man in Dortmund noch ehrlich arm, nicht so wie in Leipzig und Berlin. Wenn hier jemand scheiße aussieht, dann ist das kein Style, sondern die finanzielle Unfähigkeit, besser auszusehen. Wenn in Dortmund jemand Rastas hat, dann ist das keine Frisur, sondern liegt am verpassten Haarekämmen. Wenn sich hier zwei Punker in der Bahn über ihren Hund unterhalten, dann nicht über die vegane Ernährung des lieben Tiers, sondern darüber, dass er bissig ist. Wenn in einem Dortmunder Park ein Festival ist, dann spielen da keine Indiepopbands und keine Trommeln-für-den-Frieden-Gruppen, sondern Coverbands mit Männern Mitte vierzig, die von den Toten Hosen bis Nirvana die Musikgeschichte von hinten penetrieren.

Links das U, daneben ein Klotz, daneben noch ein Klotz

So sieht es hier eigentlich überall aus.

Dass Dortmund viertens ein Fußballteam hat, das man okay finden kann, wenn man nicht gerade aus Gelsenkirchen kommt, ist ja kaum einer Erwähnung wert. Für hippe Menschen ist das besonders aus Abgrenzungsgründen relevant. Man kann nämlich in einer so fußballvernarrten Stadt Sätze sagen wie: “Ach, auf den Westenhellweg gehe ich wirklich nur, wenn Dortmund spielt, dann ist da keiner” oder “Ich habe da dieses total süße Café mit glutenfreiem Kuchen bei mir um die Ecke, da kann man auch abends schön sitzen, aber Fußball zeigen die zum Glück nicht.”

Außerdem hat Dortmund fünftens die perfekte Lage zwischen Bochum, Essen, Duisburg, Mülheim an der Ruhr, Schwerte, Werne, Lünen, Unna und ganz vielen anderen Orten, wo man überhaupt nicht hin will, über die man aber immer sagen kann, wie cool es ist, dass alles so nah beieinander liegt. Läuft der französische Indiefilm hier nicht? Fahr halt nach Bochum. Mit der Oma in münsterländer Fachwerkidylle Kuchen essen? Ab nach Werne. Intellektuell fühlen und in eine für die Größe der Stadt vollkommen überzogene Oper gehen? Zack, Essen! Und nach Unna… naja. Kann man auch mal hin. Das Ruhrgebiet ist was Nahverkehr angeht etwa wie Berlin: Man braucht für jeden Weg etwa eine Stunde.

Sechstens ist Dortmund winzig. Wenn die U-Bahn ausfällt, kann man einfach laufen, statt zu warten. Es gibt keine “Oh nein, das Restaurant ist am anderen Ende der Stadt”-Ausreden, denn es gibt kein anderes Ende der Stadt. Nach ein paar Wochen hat man Dortmund überschaut, seine eigenen Orte gefunden, Refugien in der Hässlichkeit, die man dann auf einmal vollkommen charmant findet.

Natürlich stimmen alle Vorurteile. Dortmund hat überall Nazis, denen es auch nicht peinlich ist, Nazi zu sein. Dortmund ist pottenhässlich. Dortmund ist krankhaft BVB-fixiert. Und bei manchen Dortmundern kommen alle diese drei großen Probleme zusammen. Trotz alledem: Man kann es durchaus lieben, hier zu leben.