Mattmoiselle Mayr

Guten Tag. Schön, dass Sie den Weg auf mein kleines Stück Internet gefunden haben. Die Schuhe können Sie ruhig anlassen.

Tag: Ernährung

Wie ich durch Banane-Nutella-Pfannkuchen erwachsen wurde. Ein Bildungsroman.

Es gibt viele Geschichten über meinen Opa, die meisten hat er mir selbst erzählt. Eine ist hängen geblieben. Angeblich hat er mal bei einem Gespräch mit irgendeiner von mir weit entfernten Verwandten gesagt: >Schaff dir ein Umfeld, in dem du leben kannst.< Und am nächsten Tag ist sie von zuhause abgehauen.

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Hello, beauty.

Ich habe Kondensmilch mit Wasser gemischt, um Milch zu simulieren. Ich besitze keinen Mixer und keinen Pfannenwender und eine Pfanne eigentlich auch nicht. Nur einen Wok, in dem alles anbrennt. Es ging trotzdem.

Pfannkuchenbacken ist keine löbliche Leistung. Aber wenn es um Dinge geht, die man mit den Händen macht, bin ich nie über die Reflexionsfähigkeit einer Vierjährigen gewachsen. Was ich selbst erschaffe, finde ich naiv-uneingeschränkt bemerkenswert.

>Schaff dir ein Umfeld, in dem du leben kannst<, das ist so ein Satz, den ich nicht loswerde. Ein Gedankenohrwurm, ähnlich wie >Was zieh ich an, damit man mich besser sehen kann< (Grundschul-Straßenverkehrstraining) oder >Wherefore art thou, Romeo< (Shakespeare) oder >Mayonnaise ist kein Instrument< (Spongebob). 

Und jetzt sitze ich hier, alleine, an einem Montagabend um halb 9 in einer krümeligen Küche. Ertränke Bananenstücke in einem Nutella-See, mit einem Brotmesser, das ich aus der Kölner Uni-Mensa geklaut habe. Beobachte die Familie in der Wohnung gegenüber, was unangenehmer geworden ist, seit ich die Mutter neulich ausversehen komplett nackt gesehen habe. Und sehe ein, dass es das ist; dass Pfannkuchen mit Nutella und Banane das Umfeld sind, in dem ich leben kann.

Über Vorsätze. Oder: Goldpailletten-Glitzerkleider.

Bizeps. Avocados essen. Vor dem Heulkrampf durchatmen, bis zehn zählen. Müll trennen. Häufiger anrufen. Fenster putzen. Brote schmieren. Freundlicher sein. Klappe halten. Weihnachtsgeschenke basteln, im September. Flüchtlinge streicheln. Weniger lästern. Weniger Facebook. Weniger überdenken. Überlegte Entscheidungen. Das Handy weglegen. Nicht darauf einlassen. Vegan essen. Weniger rauchen. Ein Volksbegehren initiieren. GEZ zahlen. Nicht zu den Leuten gehören, die mit Vorsätzen brechen.

Wie schön es ist, das alles nicht zu schaffen. Wie gut der Moment, an dem man sich gegen das bessere Verhalten entscheidet. Die Avocado auskotzen, im Bett bleiben, Scheiße fressen, aus dem dreckigen Fenster gucken und Leute auf Facebook stalken, das Herz klopfen lassen, wie es will und weinen, wenn man muss.

Ist Blei nicht giftig?

Ein Fuchs, ein Penis, ein abgefallener Arm, eine fleischfressende Pflanze.

Es ist gut, ein Vorsatz-Ich zu haben. Ein ich, das Rechnungen pünktlich zahlt und sich traut, Briefe zu öffnen. Ein integreres, sportlicheres, sympathischeres ich, zu dem man aufblicken kann, aufleben. Und das trotzdem unerreichbar bleibt, bleiben muss, denn Perfektion ist wie eins dieser hautengen, goldpaillettenbesetzten Glitzerkleider, die es vor Silvester zu kaufen gibt: Von weitem nett anzusehen, aber angezogen sieht’s lächerlich aus, öde, erzwungen.