Mattmoiselle Mayr

Guten Tag. Schön, dass Sie den Weg auf mein kleines Stück Internet gefunden haben. Die Schuhe können Sie ruhig anlassen.

Tag: Journalismus

Was ich in drei Monaten an der Journalistenschule gelernt habe – in zehn gifs

1. Streich alles aus deinem Kopf außer Journalismus und atmen.

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2. Alles, was du bisher über Journalismus gelernt hast, ist falsch.

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3. Lerne, wie man mit sehr wenig Schlaf trotzdem außerordentlich viel leistet.

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4. 80 Prozent aller Texte in Zeitungen sind schrecklich geschrieben.

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5. Adjektive sind böse, schlecht und unerwünscht. Und langweilig. Und doof.

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6. Vergiss deine Familie. Die Journalistenschule ist jetzt deine Familie.

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7. Du sollst keine Kontakte außerhalb der Journalistenschule haben. Außnahme: Interviewpartner, Quellen, Kiosk-Verkäufer.

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8. Wer nichts wird, wird Mediencoach.

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9. Du hast keine Zeit, Nachrichten zu lesen, weil du lernen musst, wie man Nachrichten schreibt.

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10. Alle denken, dass du sehr viel kannst, weil du auf einer Journalistenschule bist.

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Say it loud, say it clear: Armut.

Es ist ein Kreuz, Journalist_in zu sein. Man muss über Dinge schreiben, obwohl man sie nicht schön findet, nicht versteht oder gar nichts davon wissen will. Man muss zum Beispiel einen Text für eine Serie schreiben, die “Heimatcheck” heißt (ekelhaft schon die Kombination von Blutundbodenanbiederung in Kombination mit noch anbiederendem Englisch) und dann geht es etwa um: Arbeit und Soziales. Logisch, dass es da auch um Armut geht. Logisch, dass man damit nichts zu tun haben will. Logisch, dass man ausweicht, auf Begriffe wie: sozial schwach.

Sozial schwach ist eine Unwortkombination, eine Sammlung von Begriffen, die nichts aussagt, außer dass ihr Verfasser ein dummer Idiot ist. Was bedeutet das denn, sozial schwach? Dass ich meine Freunde nicht anheben kann? Sozial schwach ist ein ekelhafter Euphemismus, den Menschen mit Geld benutzen, um Menschen ohne Geld zu bezeichnen.

Sozial schwach, so erklärt man dann Familien ihre Probleme, deren Kinder in der Schule nur Chips fressen und randalieren, weil sie das Wochenende in einer winzigen Wohnung verbracht haben, vor dem Fernseher, denn ein Zoobesuch mit zwei Kindern kostet dreitausend Euro und um ins Kino zu gehen braucht man den Betrag, den ein Hartz-IV-Empfänger hat, um eine Woche lang zu essen.

Sozial schwach, das kann man nur sagen, weil niemand mit Leuten abhängen will, die sich keinen Milchkaffee für fünf Euro und keine Tour ins nächsthässliche Shoppingcenter leisten können. Sozial schwach heißt nichts als “arm und deshalb ausgegrenzt.” Aber würde man das sagen, dann würden sich Menschen mit Geld schlecht fühlen, denn sie wollen niemanden ausgrenzen, sie sind links und außerdem gehobenes Bildungsbürgertum und verdammt, sie zahlen ja ihre Steuern und überhaupt, Umverteilung, Kommunismus, blablabla. Wie kann man in einer Eigentumswohnung mit gutem Gewissen vom Kommunismus träumen, wie kann man so tun, als wäre man offen oder vorurteilsfrei, wenn man am Ende doch nur Freunde in der eigenen Einkommensklasse hat?

Sozial schwach, das ist ein Begriff, der aus einem System kommt, das Menschen sich ausgedacht haben, damit manche auf dem Mittelmeer Jet-Ski fahren können und manche tot aus dem Mittelmeer geborgen werden, weil sie verreckt sind, elendig verreckt, ertrunken, aber keiner berichtet darüber, denn sie waren keine fucking Konsumenten.

Noch viel schlimmer: schlechter gestellt. Gestellt, da ist göttliche Fügung ja schon drin angelegt. Gestellt, das ist Passiv, das ist Täterverschweigung. Wer stellt denn wen schlechter, und wohin eigentlich? Das ist egal, denn schlechter gestellt, das klingt als wäre das Leben eine Losbude mit schlechten und guten Stellungen. Manche gewinnen, manche verlieren, alles vom Glück abhängig, vom Schicksal.

Aber Armut ist kein Schicksal, Armut ist kein Unglück, Armut ist ein System, mit dem man Menschen Angst macht. Armut ist der Grund, aus dem Menschen in ihren Jobs bleiben, die sie hassen. Armut ist der Grund, aus dem Menschen krank werden, körperlich und psychisch. Armut ist nicht Glückssache, sondern bereits entschieden, von Geburt an, bevor man überhaupt alt genug ist, auf den eigenen Beinen zur Losbude zu laufen.

Wenn eine Blume verwelkt, sagt man: sie ist verdurstet. Nicht: sie ist schlecht gegossen. Wenn eine Familie am Ende des Monats nichts zu essen hat, ist sie nicht hungrig. Nur: schlechter gestellt.

Ich kann es nicht mehr hören, dass Bildung das Problem sein soll, oder gar: Arbeitslosigkeit. Wer will denn schon arbeiten? Wer steht denn jeden Morgen auf und denkt “Wie geil, dass ich heute wieder acht Stunden außerhalb meiner Wohnung verbringen muss um essen zu können, als Mitarbeiter_in einer Chemiefabrik, mit 50 dann Krebstod, heidewitzka, oder als Reinigungskraft in einem großen Bürogebäude, wo nicht mal meine Kolleg_innen wissen, wie ich heiße, wie geil, da fühle ich mich, als würde ich gebraucht und als ein Teil dieser Gesellschaft”

Geringe Bildung geht fast immer mit Armut einher und doch wird man nicht müde, die Schlüsse falsch herum zu ziehen, Armut als Schicksal der Dummen darzustellen. Aber arme Menschen sagen nicht: Kind, lass uns ans Meer fahren und ich erkläre dir all den Scheiß, den ein Kind am Meer lernt, über Gezeiten und so. Lass uns für zweihundert Euro an deinem Projekt für die Schule basteln und wenn wir dann nicht weiterkommen, nimmst du halt Nachhilfe. Lass uns einen Tag im Museum verbringen, Kuchen essen, eine verdammte Staffelei kaufen, die Geolino abonnieren.

Arme Menschen rechnen aus, wie viel sie noch für ein paar Schuhe ausgeben dürfen, um die letzte Rate der Waschmaschine bezahlen zu können. Und das ist kein Luxusproblem, denn jeder Mensch braucht mindestens ein paar Schuhe.

Wir werden Armut nicht bekämpfen, indem wir der Obdachlosen am Bahnhof morgens ein belegtes Brötchen in die Hand drücken, wir werden Armut nicht mit Bildung bekämpfen, nicht mit Mittagessen in Schulen oder Kirchenfreizeiten am Meer für arme Kinder.

Der einzige Weg, Armut zu bekämpfen, ist Geld. Und wenn jeder Geld hätte, hätte niemand Angst davor, kein Geld zu haben. Deshalb muss irgendwer arm sein, verzeihen Sie mir Ihre Banalität. Da ist es doch das mindeste, das kleinste Zeichen von Respekt und Wertschätzung, zu sagen, was ist. Das Wort auszusprechen: arm, arm, arm, ein Adjektiv, kein verdammtes Schimpfwort.