Mattmoiselle Mayr

Guten Tag. Schön, dass Sie den Weg auf mein kleines Stück Internet gefunden haben. Die Schuhe können Sie ruhig anlassen.

Tag: Pathos

Sarah Kuttner, du hast mich zu mir selbst gemacht

Liebe Sarah,

ich sage du zu dir, weil ich irgendwie das Gefühl habe, dich zu kennen. Klingt das creepy? Egal. Das hier ist unsere Geschichte:

Ich bin zwölf Jahre alt und es ist ein Abend unter der Woche. Morgen ist Schule, so spät sollte ich nicht mehr fernsehen. Ich lande auf Viva.

Und da bist du. Du bist laut, verdammt laut. Du machst Witze und sie sind nicht immer gut und manchmal unangebracht, aber das ist dir egal. Dir ist so vieles egal. Du lässt dir im Fernsehen Zähne ziehen, du machst Quatsch mit Handpuppen, mit Zigaretten, mit deinem Gesicht. Du redest, ohne vorher darüber nachzudenken. Und ich kapiere: Mir kann es auch egal sein. Dass ich laut bin. Dass ich mich in der Schule nur melde, wenn mir ein guter Gag einfällt. Dass ich sehr viel über Worte nachdenke und sehr wenig über andere Zwölfjährige.

Von da an bin ich Fan.

 

Die Mädchen und Jungs mit den schrägen Ponys und den weißen Chucks, die bei deiner Show im Publikum sitzen – sie sind mein Maßstab. Nach jeder deiner Sendungen machen sie eine Nachbesprechung in einem Internetforum. Keine Ahnung, wer sie sind. Aber ich lese jeden Beitrag, lerne ihre Sprache. Ich google die Worte, die ich nicht kenne, die Bandnamen, die superdeepen Zitate in den Signaturen, die Abkürzungen. Sätze, die ich besonders gut und wichtig finde, schreibe ich in ein Notizbuch. Ich brauche nichts, was mich nicht lieb hat. Den finde ich immer noch groß. Die Leute, die du liebevoll Indiepeople nennst, geben mir meinen Musikgeschmack. Tocotronic, Superpunk, Adam Green, Belle and Sebastian, Moneybrother, Wir sind Helden. Die Musik, die mich durch jeden teenageresken Anfall von keiner-versteht-mich getragen hat.

Das Forum wurde 2010 geschlossen, die Fan-Seite gibt es noch. Eine Internetleiche. Ich wüsste gerne, was die Menschen heute machen, die früher jeden Tag dort geschrieben haben. Ich wäre damals einsamer gewesen ohne sie.

Oh, wie lange ich nach diesem Haarband gesucht habe!

Oh, wie lange ich nach diesem Haarband gesucht habe! // Von Jitka Kühn

Die Welt kam mir extrem dramatisch vor. So ist das, wenn man 14 ist. Ich dachte, ich müsste alleine die Weltmeere reinigen, den Regenwald neu pflanzen, für Gerechtigkeit sorgen und irgendwann zwischendurch auch noch Hausaufgaben machen und herausfinden, wer ich eigentlich bin. Du hast mir beigebracht, wer ich sein könnte. Und dazu die Egal-Haltung, die ich brauchte. Dir war nicht das Leben egal – aber die Leute, die es schwieriger machen.

Du hast geliebt oder gepöbelt, dazwischen gab es nichts.

Aus dem Material, das du mir gibst, bastle ich mir meine Jugendkultur. Indie, das gibt es in meiner Kleinstadt zu der Zeit noch nicht, oder zumindest nicht so, dass man es als 13-Jährige mitbekommen könnte.

Du nähst dir ein Kleid mit dem Albumcover von Mount Pleasure drauf. Ich wünsche mir zu Weihnachten eine Nähmaschine.

Bei einem Interview trägst du ein Halstuch, grau mit schwarzen Sternen. Ein paar Tage später finde ich das gleiche Tuch in der Accessoire-Abteilung von New Yorker und ziehe es ab da jeden Tag an. In deiner Musikexpress-Kolumne steht das passende Zitat dazu: “Manchmal kaufe ich bei New Yorker. Und wenn mich jemand fragt, behaupte ich, ich hätte das Teil aus einer supersüßen kleinen Boutique.” 

Sich selbst nicht so ernst nehmen. Wie wichtig es war, das zu lernen.

Du hältst einen Mittelfinger in die Kamera, als deine Show abgesetzt wird. Ich kaufe mir Ohrringe, alle sternförmig, und male mir mit Kajalstift dein Tattoo auf den Unterarm.

Du erzählst, dass du keinen Alkohol trinkst. Also entscheide ich, dass ich das auch nicht mache. Weil ich sowieso nicht besonders viel Lust dazu habe. Und weil ich es äußerst indie finde.

Im Jahr 2009 erscheint dein erster Roman, da bin ich 15 und knutsche zum ersten Mal. Was ich über Liebe wissen muss, lerne ich von dir. Dass es drei Stufen gibt: Verknallt – Verliebt – Liebe. Dass man manchmal jemanden so gern hat, dass man in ihn hineinkriechen möchte, was aber nicht möglich ist, von komischen sexuellen Praktiken mal abgesehen. Dass Freundschaft eigentlich das gleiche ist wie Liebe, nur ohne Sex.

Wahrscheinlich braucht man mit 12, 13, 14 etwas, woran man sich halten kann. Andere Mädchen haben in dieser Zeit Bill-Kaulitz-Frisuren getragen, ich eben Stern-Ohrringe. Es hätte mich sehr viel schlechter treffen können.

Was für ein Mensch wäre ich geworden, wenn ich nicht an deiner Show hängen geblieben wäre, sondern an einem Aggro-Berlin-Video? Wenn ich nicht auf deiner Fan-Seite das Forum gelesen hätte, sondern auf der von, sagen wir, Sonja Kraus? Wie viel von mir wäre ich sowieso geworden, wie viel ist nur wegen dir so?

Du warst meine Heldin. Erst habe ich nur nachgemacht, irgendwann haben die Dinge dann mehr zu mir gehört als zu dir. So ist das im Leben ja generell, eigentlich nur eine Aneinanderreihung von Zitaten. Die Faszination ist weniger geworden mit den Jahren, aber manchmal fällt mir auf, was alles noch da ist. An die Verknallt-Verliebt-Liebe-Regel glaube ich heute noch. Alkohol trinke ich immer noch nicht. Und dass laut sein nicht immer leicht ist, aber ehrlich – so ist es eben.

Dann dein letzter Roman, Weihnachten 2015, einen Tag vor Erscheinungsdatum in meinem Briefkasten. Ich musste einsehen, dass er mir nicht so gut gefällt. Weil man mit 20 nicht mehr blind Fan ist. Ich überfliege die Interviews nur noch. Überscrolle die Facebook-Einträge. Gehe nicht zu Kuttners schöner Nerdnacht, auch wenn ich es wahrscheinlich lieben würde. Nicht, weil du doof geworden bist. Aber es ist zu gefährlich: Ich bin 23 und will mich nicht von dir emanzipieren. Ich will nichts blöd finden, was du machst, nicht eine einzige Sache, nie.

Denn irgendwo in mir drin sitzt immer noch die anhimmelnde Zwölfjährige. Und wenn ihre Heldin fällt, fällt alles.

Deshalb ist dies eine Liebeserklärung und ein bisschen auch ein Abschiedsbrief. Danke, Sarah. Für meinen Musikgeschmack, mein Selbstbewusstsein, für jeden Spruch, den ich dir geklaut habe. Danke für den Menschen, den du aus mir gemacht hast – das klingt komplett geisteskrank, ist aber ausschließlich ehrlich.

Es war mir eine riesige Ehre, dein Fangirl zu sein.

Freundliche Kommentare gescheh’n, ich habs geseh’n

Don’t read the comments. Sagen sie. Denn Kommentare werden nur von Wutbürgern geschrieben und von Arschlöchern. Kein Mensch, der denkt und fühlt, schreibt Kommentare.

So ein Quatsch, denke ich seit diesem Text. So ein Glück, dass ich die Kommentare gelesen habe. Nicht alle. Nicht die, die mit einer Beleidigung anfangen und mit Anweisungen enden. Nicht die, die meinen, meinen Schreibstil bewerten zu müssen oder mein Leben. Aber solche:

Anna, Du (ich bin eine alte Frau, deshalb diese Anrede) hast einen fabelhaften Text geschrieben. Ich habe alles ganz leicht verstanden. Und hätte es selbst niemals so gut ausdrücken können. Ich bin im akademischen Judentum groß geworden, habe aber sofort verstanden, wie es in Deinem Milieu zugegangen ist und wie Du – dank Deiner eigensinnigen und heldenhaften Mutter – geworden bist, was Du bist.

Bei solchen Kommentaren hatte ich Tränen in den Augen. Das heißt noch nicht viel, weil ich oft heule. Aber es bedeutet mir einiges.

Ich bin zu müde und habe zu viele Gedanken aber zu wenig Wert um ernstgenommen und gehört zu werden. Was bleibt ist dass ich nicht will dass es einem andren schlechter gehen muss als mir

JournalistInnen wollen unterhalten, aufregen, berühren. Und vielleicht muss man genau deshalb manchmal Kommentare lesen. Um nicht zu vergessen, wie das ist: berührt werden.

Ich musste mir das Denken selber beibringen, ohne Hilfe meiner Eltern, und wäre in so manche Grube des Lebens nicht reingeplumpst, wenn ich als Kind nicht nur darauf geeicht worden wäre, was sich gehört und was üblich ist.

Ich habe Aufsätze per Mail bekommen voller Gefühle und Wut und Vorschläge, welche Partei ich denn nun wählen soll. Das ändert nichts, aber ich bewundere diese Menschen. Für ihren Idealismus und dafür, wie sehr sie verändern wollen.

Scheinbar hat die Mama, trotz Tattoo, in ihrer Pflicht als Mutter alles richtig gemacht

Man muss sich entscheiden, wem man zuhört. Denen, die viele Ausrufezeichen setzen und den Text, um den es geht, nur halb lesen. Oder denen, die kommentieren, weil sie etwas zu sagen haben, das keine gequirlte Scheiße ist.

Als überzeugter Konservativer/Mitte Rechts oder was auch immer, muss ich gestehen dass mir das Schriftstück unheimlich gut gefallen hat.

Ich hatte Angst, dass Hass zurückkommt. Was kam, war sehr viel Mist und sehr viel Freundlichkeit. Und jedes gute Wort wiegt dabei zehnmal mehr als eine unreflektierte Beleidigung.

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Pott zu Prunk, Kapitel 4: How to fall in love with München

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September. Vier Frauen auf einem aufblasbaren Einhorn treiben an mir vorbei. Ich liege auf einer Wiese an der Isar, es ist sonnenbrillenwarm. Zum Lesen nichts dabei außer einem anstrengenden Roman. Nach fünf Seiten verfalle ich mit dem Buch auf meinem Bauch in einen Dämmerschlaf. Beim Aufwachen ein leises, glühendes Sonnenbrandgefühl. Ein paar Meter entfernt von mir lag eben noch ein Mann. Er ist jetzt dabei, sich auszuziehen, um in den Fluss zu springen. So warm ist es nun auch wieder nicht.

November. Es hat Föhn. Im Wildpark gibt ein Waschbär mir High-Five. Vor dem Fuchsgehege zieht eine Frau ein Etui aus ihrer Manteltasche. Darin: Alle Zeitungsartikel, die je über die vier Füchse im Gehege geschrieben wurden, kleingefaltet, archiviert. Sie nähert sich pfeifend dem Gehege, die Füchse springen auf, rennen wie Kätzchen auf sie zu. “Haben Sie Futter dabei?”, frage ich, vorsichtig. “Neinneinnein, die darf man nicht füttern.” Sagt sie, entrüstet. “Die werden hier gut versorgt. Wir kennen uns schon lange, die wissen, wer ich bin.”

Dezember. Schwarzer Kaffee, Schokoladenhimbeerkuchen. Der Münchner Lokalteil der Süddeutschen Zeitung, inzwischen kein großes Rätsel mehr. Am Tisch gegenüber sitzt eine Dame mit grauen Haaren, sie schreibt seit einer Stunde ohne abzusetzen mit einem Füller in ein schwarzes Notizbuch.

Januar. Der Rollkoffer bleibt im Schnee stecken. Auf dem Boden, in der Luft, überall Schnee. Autos, Fahrräder, Geländer, zugedeckt. Schnee für tausend Schneemänner und dreitausend Schneeballschlachten, genug Schnee, damit alle Eltern ihre Kinder mit dem Schlitten zur Schule ziehen können. Schnee sieht so aus, wie Verliebtsein sich anfühlt, denke ich und fühle mich verdammt literarisch.

Vor lauter Schneehysterie muss ich ein bisschen weinen.

Und grinse wild wahllos Menschen an.

Sie schauen schnell verwirrt weg, denn wir sind immer noch in München.

Aber es ist mir egal.

Ich bin – zuhause.

Über Vorsätze. Oder: Goldpailletten-Glitzerkleider.

Bizeps. Avocados essen. Vor dem Heulkrampf durchatmen, bis zehn zählen. Müll trennen. Häufiger anrufen. Fenster putzen. Brote schmieren. Freundlicher sein. Klappe halten. Weihnachtsgeschenke basteln, im September. Flüchtlinge streicheln. Weniger lästern. Weniger Facebook. Weniger überdenken. Überlegte Entscheidungen. Das Handy weglegen. Nicht darauf einlassen. Vegan essen. Weniger rauchen. Ein Volksbegehren initiieren. GEZ zahlen. Nicht zu den Leuten gehören, die mit Vorsätzen brechen.

Wie schön es ist, das alles nicht zu schaffen. Wie gut der Moment, an dem man sich gegen das bessere Verhalten entscheidet. Die Avocado auskotzen, im Bett bleiben, Scheiße fressen, aus dem dreckigen Fenster gucken und Leute auf Facebook stalken, das Herz klopfen lassen, wie es will und weinen, wenn man muss.

Ist Blei nicht giftig?

Ein Fuchs, ein Penis, ein abgefallener Arm, eine fleischfressende Pflanze.

Es ist gut, ein Vorsatz-Ich zu haben. Ein ich, das Rechnungen pünktlich zahlt und sich traut, Briefe zu öffnen. Ein integreres, sportlicheres, sympathischeres ich, zu dem man aufblicken kann, aufleben. Und das trotzdem unerreichbar bleibt, bleiben muss, denn Perfektion ist wie eins dieser hautengen, goldpaillettenbesetzten Glitzerkleider, die es vor Silvester zu kaufen gibt: Von weitem nett anzusehen, aber angezogen sieht’s lächerlich aus, öde, erzwungen.

Frau guckt auf den Rhein und flennt

Ich weine ein letztes Mal, als der Bus Richtung Westen über die Brücke fährt. Dieser verdammte Fluss, das einzig Vermissenswerte an dieser Stadt, relativiert den Pathos der Situation.

Frau mit Augenringen so dick wie Aldi-Tüten guckt auf den Rhein und flennt. In den zwei Taschen im Busgepäckraum nur ihre wichtigsten Besitztümer (fünfzig Kleider, zehn Farben Nagellack, zwei Sorten Tee, eine Kaffeemaschine, Bilderrahmen, Notizblock). Bei Abfahrt mit dem letzten Bargeld noch zweihundert Kronen für Übergepäck bezahlen müssen.

Es ist besser, bei Abschieden wenig zu schlafen. Müdigkeit macht den eigenen Willen schwächer, die Eindrücke egaler, die Welt leichter zu akzeptieren. Akzeptiere, dass keine Globalisierung diesen Fluss verschieben kann. Er ist hier, du bist hier. Manches, was es sich zu vermissen lohnt, ist woanders. Das bleibt so.

Ankommen in einem trancehaften Zustand, wie jedes Mal. Die Katze umarmen, nochmal weinen.

Schlafen. Beim Aufwachen den kurzen Moment der Ungewissheit genießen. Wo habe ich mich gestern liegen lassen? Dann vorm Supermarkt auf der Sülzburgstraße stehen, Frauen mit Kopftüchern schreien sich an, Kindergartenkinder gehen vorbei, sie heißen alle Tjark-Thorben oder Elisa-Sophie. Ein Obdachloser unterhält sich mit einer alten Dame. Nein, ich schlafe im Zelt, das gefällt mir, da bin ich immer in der Natur. Ist das nicht kalt im Winter? Ach, ach, im Winter, da hab ich, das ist schon, na gut, wenn Sie meinen. Ich wünsch was, ne? Ich wünsch was.

Es ist kalt, aber es regnet nicht. It’s alright, it’s okay. Zuhause und ich, wir sind bis auf Weiteres versöhnt.

Au fond j'crois qu'la terre est ronde,
Pour une seule bonne raison:
Après avoir fait l'tour du monde
Tout c'qu'on veut c'est être à la maison.